Zu erzählen haben sie einiges.

Was da über der Koulaxidis’schen Couch gegenüber der rustikalen Schrankwand hängt, sagt im Grunde alles: der Meisterbrief, eine Urkunde über 40-jährige Schiedsrichtertätigkeit und ein Foto des deutsch-griechischen Ehepaares mit ihren Sporträdern, geschossen vor 25 Jahren bei der Tour Trondheim – Oslo. 560 km, gefahren in 22 Stunden. Symbole für Zielstrebigkeit, Fleiß, Fairness, Durchhaltevermögen – und eine glückliche Ehe. Zum Gespräch bringt Konstantin Koulaxidis, der sich wie der Schlagerbarde und zig weitere Namensvetter kurz „Costa“ rufen lässt, seine Frau Bärbel mit. Beide sind 72 Jahre alt, die man ihnen nicht ansieht, und für Willkommen in Olpe schon deshalb interessant, weil Konstantin am 19. August 1962, an seinem 18. Geburtstag, als einer der ersten Gastarbeiter in Olpe ankam. Zu erzählen haben sie einiges. Dabei spielt auch ein Weihnachtsbaum eine nicht uninteressante Rolle.

Ein Job in Deutschland lockt – und die hübschen Mädchen

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1965 besichtigt Konstantin während eines 14-tägigen Urlaubs vom Militär auch die Akropolis.

Den Abschied von seiner eigentlichen Heimat hat Konstantin Koulaxidis längst hinter sich, als er die Reise ins ferne Deutschland antritt. Geboren als eines von acht Kindern in einem 1.700-Seelen-Ort im Kreis Serres, verlässt er das elterliche Heim schon als Jugendlicher, um in Thessaloniki zu arbeiten und zur Schule zu gehen. Es ist sein Bruder, der ihn Richtung Deutschland schubst: Dort wird schließlich jede Hand gebraucht, dort locken Verträge. Und die hübschen Mädchen erst!

Gelernt hat der junge Mann Wasser- und Heizungsinstallateur bzw. Blechbe-arbeitung, auch der Arzt legt ihm keine Steine in den Weg. Also ab aufs Schiff, von Pyräus aus über Brindisi, München und Köln ins Sauerland. Bei der Firma Gustav Imhäuser wartet ein Job auf ihn und eine Unterkunft in einer Holzbarracke – „ziemlich komfortabel“ sei die gewesen, erinnert sich Costa. Dort bleibt der gut aussehende junge Mann ein halbes Jahr, dann bezieht er die erste eigene Wohnung. Aber während von 14 Millionen nach Deutschland eingereisten Gastarbeitern 12 Millionen wieder in ihre Heimat zurückkehren werden, ist Konstantin Koulaxidis gekommen, um zu bleiben, auch deshalb, weil sein Bruder Recht behalten sollte, was die Mädchen betraf: Eine ebenfalls gut aussehende, dunkelhaarige Ferienarbeiterin namens Bärbel lernt er nur drei Tage nach seiner Ankunft bei Imhäuser kennen. Und bald auch lieben.

Erstmal keine Freudensprünge

Vater Dimitrios, Mutter Kanelia, Bruder Nikitoris und Neffe Vasilios in Griechenland

Vater Dimitrios, Mutter Kanelia, Bruder Nikitoris und Neffe Vasilios in Griechenland

„Es gibt bestimmte Dinge, die kann man nur empfinden“, sagt der an sich nicht auf den Mund gefallene Konstantin auf die Frage, warum es ihm seine jetzige Frau damals so angetan habe. Es sei auch sein Gerechtigkeitssinn gewesen, der ihn für sie eingenommen habe, weiß Bärbel hingegen noch ganz genau. Immer schon weltoffen, pflegte die junge Frau Brieffreundschaften auch nach Griechenland und nahm ellenlange Zugreisen auf sich, um dorthin zu gelangen. Für sie war der „ausländische“ Freund daher nichts Besonderes, ihre Mutter und ihre Brüder machten jedoch zunächst keine Freudensprünge darüber, dass sie sich mit „dem Griechen“ traf. Bärbel war es egal.

Schließlich und endlich habe er sich bei ihrer Mutter dann gut verkauft, erinnern sich beide schmunzelnd. Vielleicht half auch die Tatsache, dass Konstantin selbst ungewöhnlich viele häusliche Kenntnisse (jedenfalls für einen Mann seiner Generation) mitbrachte: „Ich war das Mädchen von meiner Mutter!“, erzählt er lachend. Während die anderen die Feldarbeit erledigten, blieb der kleine Costa im Haus, lernte Knöpfe annähen, bügeln und kochen – Fähigkeiten, von denen seine Frau bis heute profitiert.

„Ohne Sprache ist Integration gleich Null“

Das junge Paar Bärbel und Konstantin ca. 1964/65.

Das junge Paar Bärbel und Konstantin ca. 1964/65.

Sprachkurse für die Kräfte aus fernen Ländern waren seinerzeit kein Thema, bei dem jungen Paar hätte es aber ohnehin keinen gebraucht: „Wir waren schwer verliebt, haben uns jede Minute, die möglich war, getroffen“, erinnert sich Konstantin und Bärbel nickt. Dabei lernt er Deutsch und sie lernt Griechisch, bis heute sprechen die Beiden beides miteinander. 1968 reicht nur ein Wort: das gemeinsame „Ja“. Nach der Geburt des Sohnes gibt Bärbel Koulaxidis ihr Psychologiestudium auf. Weil sie inzwischen zweisprachig ist, erteilt sie Griechen Deutschunterricht. „Ohne Sprache ist Integration gleich Null!“, erklärt Costa mit Bestimmtheit, „der Rest ist eigene Sache“.

Die Sache mit dem Weihnachtsbaum

1966: Konstantin Koulaxidis bringt seinen Kameraden beim Militär ein ganz besonderes Geschenk mit: den deutschen Weihnachtsbaum.

1966: Konstantin Koulaxidis bringt seinen Kameraden beim Militär ein ganz besonderes Geschenk mit: den deutschen Weihnachtsbaum.

„Eigene Sache“ – für ihn sind das in erster Linie harte Arbeit und Weiterbildung. Auf Gustav Imhäuser folgen Jahre bei den damaligen Stahlwerken Südwestfalen (heute Deutsche Edelstahlwerke) in Geisweid. Hier knufft er im Drei-Schicht-Betrieb und steuert unter anderem bei 60 bis 70 Grad einen Hochkran über die Gießerei, ein Job „mit relativ hoher Verantwortung“, eine Zeit vieler Lehrgänge. 1965 aber ruft Griechenland den jungen Mann zurück zum Wehrdienst, „das war schlecht“. Zum einen der Trennung von Bärbel wegen, zum anderen, weil das griechische Militär keinen Sold zahlt. Costa bringt es zum Unteroffizier und Ausbilder und überdies seinen Kameraden eine deutsche Tradition mit:

den Weihnachtsbaum.

Fotos zeigen ihn breit grinsend mit anderen Uniformierten vor der aufgeputzten Tanne, mit Watte als Schnee. Bei deutschen Weihnachtsliedern, da hörte der Spaß allerdings auf.

„…viele, viele Stunden, aber immer mäßig!“

Konstantin Koulaxidis mit seinem damals zehn Monate alten Sohn Christopher (l.) in Olpe.

Konstantin Koulaxidis mit seinem damals zehn Monate alten Sohn Christopher (l.) in Olpe.

Doch dieser Kulturimport ist mehr als nur ein Gag. Er steht für „Zuhause ist Zuhause – hier ist aber auch Zuhause“, wie Konstantin Koulaxidis es umschreibt.

Gelungene Integration bedeutet demnach nicht die Aufgabe der eigenen Kultur, sondern die maßvolle Mischung des subjektiv Besten beider Länder.

Bestimmte Sachen auseinander setzen“, so formuliert es Costa. Und so greift er bald auf ein Repertoire „typisch deutscher“ Tugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit zurück und sagt heute von sich: „Ich bin ein Perfektionist geworden.“ Das hingegen recht typisch griechische „Wollen mal gucken“ lässt er nicht mehr gelten, auch nicht in Griechenland und nicht mal mehr bei den eigenen Verwandten: Wenn der Onkel aus Deutschland kommt und sagt, das ist so und so, dann ist das so und so!

Das erste "Olper" Auto, angeschafft 1968: Die Borgward Arabella.

Das erste „Olper“ Auto, angeschafft 1968:
Die Borgward Arabella.

Deutschland wiederum, fand Costa, könne ein wenig von der griechischen Gemütlichkeit vertragen, und so importiert er sie kurzerhand. Seine Bilanz über 50 Jahren nach seiner Ankunft: „Das Zusammensein ist hier ein bisschen besser geworden als früher.“ An diese Sitte, sich für relativ kurze Zeit irgendwo und mit irgendwem zum (schnellen) Trinken zu treffen, mochte er sich jedoch nie gewöhnen. In Griechenland, schwärmt Konstantin, sei alles ganz anders: „Da kommt man zu verschiedenen Gelegenheiten zusammen, alle bringen was mit, es fängt langsam an mit der Vorspeise und ein bisschen Ouzo, dauert viele, viele Stunden, aber immer mäßig!“

Nach einer Umschulung zum Maschinenschlosser geht Konstantin zu Thyssen Krupp nach Lütringhausen, wo er es zum Vorarbeiter bringt, nach mehrjähriger Abendschule den Industrie-Meisterbrief in der Hand hält und diesen Posten schließlich auch offiziell übernimmt. 2004 geht er in den Vorruhestand. „Ich hatte gute Chefs, die keine Geschenke gemacht haben“, blickt Konstantin Koulaxidis zurück – eine Maxime, die er selbst weitergetragen hat: Insgesamt bildet der ehemalige griechische Gastarbeiter im Laufe der Zeit 100 bis 120 junge Leute aus und ist 16 Jahre lang Mitglied im IHK-Prüfungsausschuss. „Ich habe keinen Jugendlichen nach Herkunft, Farbe oder Größe bewertet.“ Dafür zählten Pünktlichkeit und regelmäßiger Schulbesuch um so mehr, und mit dem Ausbildungsnachweis sei er „sehr penibel“ gewesen. „Irgendwann merkten sie, ich meine es ehrlich mit ihnen. Ich sage ihnen, du machst es nicht für deinen Vater und nicht für die Firma, du machst es für dich‘, und wenn du es nicht begriffen hast, dann müssen wir von vorn anfangen“.

Man kann sie sich lebhaft vorstellen, diese freundliche, aber unmissverständliche Autorität in seinen Worten. Noch Jahre später bekommt er von früheren Azubis zu hören, dass sie ihm am liebsten „den Hals umgedreht“ hätten, und das, so scheint es, fasst Costa durchaus als Kompliment auf.

Konstantin Koulaxidis griechische Familie mit Schwester, Schwager, Onkel, Bruder, Schwägerin, Tante, Neffen und Nichten.

Konstantin Koulaxidis griechische Familie mit Schwester, Schwager, Onkel, Bruder, Schwägerin, Tante, Neffen und Nichten.

„Ein Nehmen und Geben“

Für zahlreiche seiner Landsleute in Olpe ist er heute der Ansprechpartner in allen möglichen Fragen, ob es nun um Technisches oder um Rentenanträge geht. Und dabei seien viele von denen doch selber schon seit über 30 Jahren hier!

Dass ihm selbst seinerzeit das Ankommen in der zweiten Heimat relativ leicht gefallen ist, schreibt Costa auch dem Mangel an Begegnung mit anderen Griechen zu, da mochte das Heimweh, auch nach der vielköpfigen Familie, noch so groß gewesen sein. „Integration ist Nehmen und Geben“, das müsse man konsequent verfolgen – aber es müssten einem eben auch die entsprechenden Möglichkeiten geboten werden.

„Immer ein Lächeln auf den Lippen“

Konstantin "Costa" Koulaxidis mit dem einzigen Foto von ihm als junger Mann, das er seinerzeit aus Griechenland mit nach Deutschland brachte.

Konstantin „Costa“ Koulaxidis mit dem einzigen Foto von ihm als junger Mann, das er seinerzeit aus Griechenland mit nach Deutschland brachte.

Konstantin Koulaxidis ist ein Macher, und wie bei so vielen dieser umtriebigen, engagierten Sorte Mensch ist der Ruhestand auch für ihn faktisch nicht vorhanden: Er pfeift für die Spielvereinigung Olpe (wo er vorher als Rechtsaußen selbst gegen den Ball trat), das Ehepaar pflegt das gemeinsame Hobby, den Radsport, er engagiert sich im Verein „Miteinander in Olpe“ sowie bei der Freiwilligenbörse, hier besonders für den Kindergarten St. Raphael, den sein kleiner Enkel besucht. Er habe wirklich viele deutsche Städte gesehen, meint Konstantin, doch Olpe sei „die schönste Stadt in ihrer Größe; hier hat man alles und erreicht alles innerhalb kürzester Zeit“.

In 42 Jahren, so berichtet er, habe er als Schiedsrichter keine fünf roten Karten zücken müssen und niemals körperliche Gewalt erfahren. Eine der persönlichen Rasen-Regeln des Konstantin Koulaxidis mag daher auch auf andere Lebensbereiche anwendbar sein:

„Man muss sich immer vernünftig unterhalten und muss immer ein Lächeln auf den Lippen haben.“

 

Nächste Folge der Serie: Ab dem 12. Oktober 2016
Schön, dass Sie sich Vorfreuen.