Möchte man mit bekannten Olpern sprechen, dann kommt man an einem Mann nicht vorbei: Peter Liese. Seit vier Jahren ist er Major des St. Sebastianus-Schützenvereins Olpe, davor war er Leutnant, Hauptmann und auch König. Auf den Orden ließ er seinerzeit das „Schwarze Zelt“ gravieren, für ein langjähriges Mitglied der Baukommission nicht ungewöhnlich. Diese Wahl hatte aber auch einen ganz ästhetischen Aspekt: „Die Firmenfarbe Orange hätte nicht gut ausgesehen.“ Zum Gespräch mit Willkommen in Olpe empfängt Peter Liese nicht in Uniform, sondern in Arbeitskluft. Ich besuche ihn an seinem Wohn- und Arbeitsplatz, wo er sich, gemeinsam mit Ehefrau Marion, viel Zeit nimmt für einen entspannten Plausch auf der Dachterrasse des Hauses, in dem er mit seiner Familie, darunter auch der Mutter, wohnt. In der unteren Etage befinden sich die Räume des 1958 gegründeten Geschäfts.

Peter Liese

Mit dem großen Bruder Rainer auf dem Schützenfest. Das mit der Bierflasche – natürlich ein Scherz.

Natürlich wird es in unserem Gespräch auch um das Schützenwesen gehen, das zu seinem Leben dazugehört wie Pinsel, Rolle, Klebeband.
Davon zeugt nicht nur die Vereinsfahne im Treppenhaus, die den von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian als prachtvolle Stickerei zeigt, davon zeugen auch zwei künstlerisch bearbeitete, farbenfrohe Porträts im Freiluftwohnzimmer über den Dächern von Olpe: Sie zeigen Peter Liese und seine Gattin in Amt und Würden, als Königspaar. Ungewöhnliche Bilder, die die Bedeutung des Amtes für die Liesen unterstreichen, ohne es zu überhöhen.

Wollte man pingelig sein, so ist Peter Liese ein gebürtiger Siegerländer, denn das Licht der Welt erblickte er am 25. November 1965 in Weidenau – „aber danach ging es schnell wieder zurück!“, beteuert er lachend.

Peter Liese als "i-Dotz" bei seiner Einschulung.

Peter Liese als „i-Dotz“ bei seiner Einschulung.

Ab da gab es zunächst nur noch Olpe: „Als Kinder haben wir Cowboy und Indianer am Gallenberg und auf der Bleichewiese Fußball gespielt“, der Kindergarten war gleich um die Ecke und auch sonst war immer was los. Peter Liese wächst mit einem älteren Bruder auf, doch nur, weil der Vater einen Maler- und Lackiererbetrieb hat, steht die Zukunft des Jungen nicht an jede Wand geschrieben: „Ich hatte keinen Druck bei der Berufswahl“, stellt er klar. Schließlich ging er auf eigenen Wunsch dann doch im elterlichen Betrieb in die Lehre und legte 1991 seine Meisterprüfung als Maler und Lackierer ab. Unter besonderer Beobachtung seines Lehrherrn stand er trotzdem nicht: Als „Stift“ war der junge Peter schließlich immer mit den Gesellen auf den Baustellen unterwegs, während der Vater meistens im Büro, bei der Kundschaft und in der Werkstatt die Stellung hielt.

Olpe ist die goldene Mitte

Olpe, findet Peter Liese, sei eine gute Mitte zwischen Dorf und Großstadt, und auch seine Frau, die aus Frenkhausen stammt, wohnt gern hier, auch wenn sie sich eine Rückkehr aufs Dorf – irgendwann – durchaus vorstellen kann. Marion und Peter Liese kennen sich schon seit Kindertagen, von einer Sandkastenliebe zu sprechen, das wäre aber übertrieben. Erst einmal ging jeder der Beiden seine Wege, bis sie sich wiederfanden. Wie es so häufig der Fall ist, realisiert man ja erst aus der Ferne, was man an der Heimat hat. „Bei der Bundeswehr

in Pinneberg habe ich ordentlich Heimweh verspürt, da kannte ich keinen Menschen. Da merkt man, wie sehr man an der Familie und der Heimat hängt“, erinnert sich Peter Liese.

Seine Frau, seine beiden 15 und 18 Jahre alten Töchter, seine Mutter, sie alle sind sein Rückhalt, wenn er auch bekennt, dass sie in der Hektik des Alltags oft zu kurz kämen. Der Arbeitstag beginnt morgens um sechs im Büro, „dann ist mal um 18 Uhr, mal um 20 Uhr Feierabend“. Neben Job, Familie und Schützenverein bleibt wenig Zeit für Anderes – so kommt er nur noch selten dazu, aufs Motorrad zu steigen.

Urlaub? Nun ja. „Zwei Wochen, wenn es eben hinhaut“,…

Urlaub auf Sylt.

Urlaub auf Sylt.

… und dann am liebsten in Deutschland. Für welche Gegend das Herz von Peter und Marion Liese schlägt, darauf gibt die Dekoration der Dachterrasse einigen Rückschluss: Da steht ein Leuchtturm, dort hängen weitere maritime Erinnerungsstücke. Um an die Nordsee zu kommen, können Liesen sich ins Auto setzen – „die 600 Kilometer, das ist ja nicht viel“. Und auf dem Rastplatz ist auch immer Zeit für Kaffee aus der Thermoskanne und Marion Lieses „Eibütters“ – ein liebgewonnenes Ritual. Mit dem Pkw in den Urlaub zu fahren, das hat außerdem den Vorteil, im Notfall (relativ) schnell wieder zurück zu können.

Ein solcher Notfall trat vor zwei Jahren ein, als sein Patenonkel plötzlich, einen Tag nach Schützenfest verstarb. Die Fassungslosigkeit ist Peter Liese noch immer anzumerken, wenn er sich erinnert:
„Einen Tag vorher haben wir noch zusammen angestoßen.“ Wenn
das Ehepaar über diesen Mann erzählt, dann strahlen ihre Augen, dann wird viel gelacht. Ein Schütze und echtes Original war das, einer, dem der Schalk im Nacken saß, einer, den jeder kannte. Als die schlimme Botschaft am Dienstag nach Schützenfest kam, war ein paar Tage später der Urlaub auf Sylt geplant. Dieser wurde dann von einem Teil der Familie unterbrochen, um bei der Beerdigung dabei zu sein. Der Heimweg und danach der Rückweg glichen einem Marathon,
aber es war Peter Liese ein Herzensanliegen, diesem hochgeschätzten Mann auf der Beerdigung die letzte (Schützen-)Ehre zu erweisen, als Major auf dem Friedhof das Kommando zu geben: „Ich wollte das.“

Es ist spätestens dieser Moment, in dem es nicht mehr deutlicher werden kann: Die Schützen, das ist nicht nur ein Verein, das ist eine Familie, das ist seine Familie.

Schützen – eine zweite Familie

.. ein bisschen stolz – vielleicht“

Als Junge ging er selbst schon im Spielmannszug mit und schlug die kleine Trommel. Sein Vater war von 1981 bis 1991 Schützenmajor. Dass er heute selbst als oberster Grünrock den Takt vorgibt, ist allerdings keine Vererbung.

2007 ist das Jahr, in dem Peter Liese den Vogel abschießt. Noch heute kann er derart mitreißend davon erzählen, als wäre das Holzgefieder gestern erst zersplittert. Die Unterstützung von Ehefrau Marion war ihm seinerzeit sicher. Die bekennt zwar in der Rückschau lachend, dass es ihr im entscheidenden Moment schlecht vor Aufregung war und sie nicht mehr wusste, wie sie am Rotweintisch landete. Aber sie sagt auch mit einiger Bestimmtheit: „Ich hätte ihm diesen Traum nicht vermiesen wollen.“ Ein paar Wochen später kommt der damalige Major Paul Imhäuser auf ihn zu und sagt: „Ich hätte gern, dass du der neue Hauptmann wirst.“

Nach vier Jahren als Hauptmann ist es 2012 für Peter Liese so weit.
Es bedeutet ihm viel, in die Fußstapfen des Vaters zu treten: „Das macht einen auch ein bisschen stolz“, um bescheiden hinzuzufügen, „vielleicht“.

Die erste Ansprache in neuer Funktion ist ihm noch sehr präsent, sicher auch deshalb, weil sein Vorgänger Paul Imhäuser eine lebende Institution und die Fußstapfen entsprechend groß waren: „Ich musste ja schon als König eine Rede halten, aber als Major war das schon etwas anders.“ Doch auch hier war es einmal mehr die Kameradschaft der Schützen, die ihn buchstäblich über die Nervosität hinaus und die Stufen zum Podium hinauf trug. Miteinander, Fairness, sagt Peter Liese, werde bei ihm groß geschrieben, das gibt er auch seinen Töchtern mit auf den Weg.

Was ihn zornig macht? „Unehrlichkeit kann ich gar nicht haben“.

Eine Bereicherung aus Bangladesh

Peter Liese

Peter Liese ganz entspannt auf seiner Dachterrasse beim Gespräch mit Willkommen in Olpe.

Das Gespräch nähert sich langsam dem Ende, als Peter Liese mehr
im Vorbeigehen erwähnt, dass er seit einiger Zeit einen jungen Mann aus Bangladesh in seinem Betrieb beschäftigt. Unverhofft kommt ja bekanntlich oft: Eines Tages stand ein ehrenamtlicher Flüchtlings-betreuer in Begleitung eines 23-Jährigen im Liese’schen Geschäft.
Da war es fast schon beschlossene Sache: „Als der im Laden stand, hatte ich ihn sofort ins Herz geschlossen“. Während eines sechs-wöchigen Praktikums lernt Liese Fleiß und Engagements seines in Drolshagen lebenden, künftigen Mitarbeiters schätzen, der, wie sich bald herausstellt, so gut wie jeden Cent in die Heimat schickt.

Der junge Mann, der bereits in seiner Heimat als Maler gearbeitet hat, wird vorerst als Hilfskraft beschäftigt, weil er der deutschen Sprache noch nicht mächtig ist und die Ausbildung dadurch noch zu schwierig ist. Die Möglichkeit einer Lehre wischt Peter Liese jedoch nicht vom Tisch: „Ich hab schon das Gefühl, dass das funktioniert. Ich könnte jedem empfehlen, diesen Menschen eine Chance zu geben. Das kann auch daneben gehen, aber das kann hier ja auch passieren.“ Marion Liese stimmt ihrem Ehemann zu: „Das ist halt immer eine Wundertüte.“