Familienstand? – „In Beziehung – wenn nicht ich, wer dann?“

Lieblingsverein?

„Köln – es geht immer ums Heulen!“ 

Vorbereitete Fragen mit zu Sr. Katharina Hartleib zu nehmen ist überflüssig, das Gespräch im Konventsgarten läuft auch so wie ein Länderspiel. Bei Milchkaffee trifft sich Willkommen in Olpe mit der Ordensfrau, die seit 2009 gemeinsam mit Sr. Gertrudis Lüneborg und Sr. Veronika Fricke im Konvent San Damiano mitten in der Stadt lebt. Es wird nicht viele Leute in Olpe geben, denen Sr. Katharina kein Begriff ist – aber wer ist der Mensch hinter der Franziskanerin?

Ein glückliches Kind

Die kleine Katharina mit ihren drei Brüdern.

Die kleine Katharina mit ihren drei Brüdern.

Geboren wird sie als einziges Mädchen unter drei Brüdern am 7. September 1958 in Heiligenstadt im Thüringer Eichsfeld, einem für die ehemalige DDR ungewöhnlichen Areal: „Das Eichsfeld ist immer katholisch geblieben“, erklärt  Sr. Katharina, da konnte das kommunistische Regime machen, was

es wollte. Der regelmäßige Kirchgang, das Gebet gehören hier zum Leben selbst-verständlich dazu. Sie aber geht nicht einfach nur hin, sie geht besonders gern hin und betet besonders gern und besucht gern den Religionsunterricht, der außerhalb der Schule stattfindet.

Dass die Sache mit Gott bei ihr tiefer geht, zeichnet sich in frühen Kindertagen aber noch nicht ab: Vorerst bolzt die kleine Katharina mit ihren drei Brüdern auf der Straße ums runde Leder. Der Vater, ein Buchhalter, sorgt für den Lebensunterhalt, die Mutter, gelernte Handelskauffrau, bleibt bei den Kindern, „das war überhaupt keine Debatte. Mit vier Kindern kannst du nicht arbeiten gehen“. Um alle satt zu bekommen, machen es die Hartleibs nicht anders als viele Andere zu jener Zeit: Sie betreiben Landwirtschaft im Nebenerwerb: „Wir hatten einen Kinderhof, einen Hühnerhof und einen Schweinehof“. Was sie nicht haben, das ist Geld, doch fällt das nicht weiter ins Gewicht: „Bei uns im Dorf hatten alle gleich wenig.“ Kommen Freunde zum Spielen vorbei, zählt die Mutter abends durch, reiht sie alle auf der Mauer auf und drückt jedem ein Leberwurstbrot in die Hand. Sonntags gibt es ein Bier für den Vater, eine Limo ist für die Kinder eine Belohnung.

Der Ernst des Lebens

Das "Katholikenzimmer" im Internat. Das Mädchen mit der Kreuzkette um den Hals ist die spätere Sr. Katharina während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester.

Das „Katholikenzimmer“ im Internat. Das Mädchen mit der Kreuzkette um den Hals ist die spätere Sr. Katharina während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester.

Bis hierher gleicht ihr Lebenslauf dem vieler Vertreter ihrer Generation. Der sog. Ernst des Lebens aber ist eine Zäsur: „In der Schule gab es den ersten Ärger.“   Das Kind aus dem Eichsfeld,  zwar keine Insel der Glückseligen, doch dafür „eine Insel derjenigen, die sich bewusst entschieden haben“, macht Bekanntschaft mit den Mechanismen der Macht. So war der Eintritt in die FDJ Pflicht, „du hattest keine Wahl“. Der  Jugendweihe aber, dem Bekenntnis zum Sozialismus, verweigert sich die junge, überzeugte Katholikin. Den Preis dafür zahlt sie in der 8. Klasse: Die Bewerbung der Einserschülerin für die erweiterte Oberschule wird abgelehnt, mit der „Begründung“, das Studienziel Medizin sei „derzeit nicht relevant“. Von Kleinauf hat sie Krankenschwester werden wollen, auf den Gedanken, Medizin zu studieren, bringen das Mädchen mit der schnellen Auffassungsgabe erst die Lehrer. Die Empörung über diese Ungerechtigkeit aber ist bis heute spürbar: „Das war ehrverletzend!“ Auch wenn sie inzwischen sicher ist, dass es genau so hat kommen sollen.

„Der Riss ging oft quer durch die Familie“, beschreibt Sr. Katharina das Leben in einer katholischen Enklave inmitten der kommunistischen Diktatur. Auch durch ihre eigene: „Mein Vater war in der SED“, auch der Bruder wird später eintreten, „er wollte Karriere machen“. Katharinas Herz aber wird immer mehr in eine andere Richtung gezogen: zu Gott. Dass die Hartleib’sche Familie nicht zerbricht, ist einer einfachen Tatsache geschuldet: „Wir haben uns zu sehr geliebt.“ Der Vater erduldet die Sticheleien anderer Parteimitglieder und der „Oberen“, denen die kirchlichen Aktivitäten der Tochter natürlich nicht verborgen bleiben, mit einem lakonischen

„Wir sind nun mal katholisch.“

Als man ihm den Posten des Bürgermeisters in Aussicht stellt, lehnt er ab, denn dafür hätte die Familie aus der Kirche austreten und den Kontakt zu in den Westen geflohenen Familienmitgliedern abbrechen müssen. Erst später erfahren die Kinder davon und dass ihn diese Entscheidung schlaflose Nächte kostete.

Sicher vor Spitzeln war man nie, Freiheit war relativ: „Ich musste als DDR-Bürgerin lernen, zwischen den Zeilen zu lesen“.

Eine strahlende Sr. Katharina zwischen ihren Eltern 1984.

Eine strahlende Sr. Katharina zwischen ihren Eltern 1984.

Politik liegt ihr bis heute am Herzen, auch ist ihr Engagement für Flüchtlinge in Olpe nicht allein christlicher Nächstenliebe geschuldet, wird nicht nur als von Gott gegebener Auftrag verstanden, sondern wurzelt in jenen Jahren und dem Verständnis für Menschen, die in für sie nicht mehr akzeptablen Lebensumständen keine Alternative sehen als das Zurücklassen der Heimat mit allem darin – wie die ägyptische Familie, koptische Christen, die seit einiger Zeit im Konvent lebt. Sr. Katharina: „Wenn mir so das Leben zur Hölle gemacht wird, wenn ganze Sippen zusammenlegen, damit einer entkommt …“ Ihr eigener Cousin schwimmt durch die Leine, das Flüsschen im Dorf, um in den Westen zu entkommen – und kehrt ein halbes Jahr später zurück, heimweh-krank, wissend, dass das Gefängnis auf ihn wartet.

Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester auf einem Internat mit 300 Schülerinnen teilt die junge Frau eine Bude mit den drei einzigen Gleichgesinnten und erinnert sich lachend: „Wir wurden das Katholikenzimmer genannt.“ Wer in Marxismus eine Eins bekommt, hat bis Mitternacht Ausgang und darf mitnehmen, wen er wollte. Katharina bekommt immer die Eins. Dabei ist ihr zu diesem Zeitpunkt längst klar, wo ihr Herz hingehört: Ihre Freundinnen bändeln mit Jungs an, sie nicht. Als irgendjemand flachst, dass sie eines Tages sicher mal im Kloster landet, wird sie sauer: „Ich wollte nicht, dass es jemand merkt!“ Das, so meint sie rückblickend, sei sicher naiv gewesen.

Das alles verändernde Erlebnis ist das Konzert einer franziskanischen Band „auf einem Berg, rappelvoll mit Jugendlichen“.

Hier trifft sie plötzlich auf jede Menge Gleichgesinnte, hier spürt sie, dass eine große, weltweite Gemeinschaft wie die der Franziskaner ihr auch Sicherheit geben kann. Mehr noch: Die Geschichte von Franz und Clara, das Lob der Schöpfung, das alles berührt sie tief – „meine Liebe zu Assisi kommt daher!“ Das alles habe mit ihrem inneren Bild überein gestimmt.  Mit weit ausgebreiteten Armen fängt sie das Gefühl von damals wieder ein: „Das hat Energien freigesetzt!“ Zunächst tritt sie in den sog. Dritten Orden, eine Gemeinschaft von Laien, ein. Doch kaum erfährt sie davon, dass es auch Franziskanerinnen gibt, kaum liegen ihr Adressen von Klöstern in der DDR vor, sind schon Briefe auf dem Weg. Der erste davon geht an die Niederlassung der Olper Franziskanerinnen in Oschersleben.

Mit 23 beginnt sie hier ihr Postulat, folgt sie dem Ruf, ganz. Worte dafür zu finden, fällt der sonst so eloquenten Schwester nicht leicht.

„Irgendwann zu spüren, dass da mehr ist – das ist ja das Unbeschreibliche!

Heute würde doch keiner mehr glauben, wenn man nicht wüsste, dass es Ihn gibt. Das erlebst du nur, wenn du dich da rein begibst. Dieses Spüren – das ist das, was ich nicht beschreiben kann.“

1978 begibt sich Katharina mit Gleichgesinnten auf Pilgertour.

1978 begibt sich Katharina mit Gleichgesinnten auf Pilgertour.

Die Mutter sagt: „Ich hab’s gewusst.“ Die Reaktion des Vaters ist verhalten. Die Tochter hatte schließlich das Haus erben sollen, er hatte sie, kirchliches Engagement hin oder her, als Ehefrau und Mutter gesehen. Hinzu kommt, dass kurz vor dem geplanten Eintrittstermin einer ihrer Brüder tödlich verunglückt. Auf der Suche nach einer Erklärung für die Entscheidung seiner Tochter gibt der Vater sich selbst die Antwort: Katharina fragt ihn, warum er ausgerechnet diese Frau habe heiraten müssen. Das habe er einfach gespürt, lautet seine Entgegnung – eben so, wie auch seine Tochter den Ruf nach Gott gespürt hat. Später wird er sagen: „Ich sehe, dass du von allen meinen Kindern am glücklichsten bist.“

Natürlich gibt es Momente des Zweifels. Allerdings nicht an der Art des Ordenslebens selbst, sondern „am Menschlichen“. „Menschlich miteinander im großen Rudel auskommen“, beschreibt Sr. Katharina diese Herausforderung. Also auch, mit Frauen zusammen zu leben, die man sich freiwillig nicht als Freundinnen aussuchen würde, und dieses Zusammenleben nicht als Zweck-Gemeinschaft zu betrachten, sondern als Teil der von Gott gestellten Aufgabe.

Der persönliche Antrieb?

„Was Ihr von den anderen erwartet, das tut Ihr für sie“

Ihr Gelübde beinhaltet Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam. Was davon ist am schwersten zu befolgen? „Das eigentliche Gelübde, um alles leben zu können, ist die Armut. Armut heißt, ich bejahe, das Gott größer ist als ich. Nicht meine Bedürfnisse sind das Maß aller Dinge.“ Wenn man das leben könne, könne man auch alles andere akzeptieren. Gehorsam heute bedeute, miteinander auf Gott zu hören. „Ich bin daran gebunden heißt: Ich muss jeden Tag üben!“ Das Gefühl Verzicht zu leisten ist ihr nicht fremd: „Es hat Jahre gegeben, wo es mich viel gekostet hat, keinen Mann und keine Kinder zu haben.“

Worin liegt der Reichtum in ihrer Art zu leben? In einer Gewissheit: „Ich muss die Welt nicht mehr retten – aber ich kann meinen Anteil daran leisten, dass Menschen leben können. Ich kann nur tun, was ich tun kann.“

Das ist so einiges: Sr. Katharina ist Mitglied der Provinzleitung, zuständig für die PR- und Öffentlichkeitsarbeit für die Ordens-gemeinschaft in Deutschland, erstellt das Jahresprogramm und wirkt auch daran mit, engagiert sich für Jugendliche und junge Erwachsene. Dann gibt es natürlich noch das von ihr ins Leben gerufene Spendencafé im Mutterhaus und einige andere Dinge mehr, kochen, backen, Handarbeiten …  „Ich brauche sieben Stunden Schlaf und anderthalb bis zwei Stunden Gebetszeit.“ Was treibt sie an? Hier überlegt Sr. Katharina lange, um schließlich mit einem Bibelwort zu antworten: „Was Ihr von den anderen erwartet, das tut Ihr für sie.“ Es gehe für sie darum, die von Gott gegeben Fähigkeiten in seinem Sinne den Menschen anzubieten. „Wenn ich was mache, dann mache ich es richtig.“

Und wozu kann sie nicht nein sagen?

Sr. Katharina lacht: „Genau dazu! Wenn es eine spannende Idee gibt, wo ich merke: Das kann ich.“

Eine Leidenschaft aus Kindertagen ist bis heute geblieben: Fußball. Zwar trifft man die Schwester heute nicht mehr beim Kicken auf der Straße an – auch die Tage der Leichtathletik sind vorüber – aber ihr Herz schlägt kräftig für diesen Sport.

Insbesondere für einen Verein: den 1. FC Köln. Das ist zum einen ein Überbleibsel aus ihrer Zeit im Rheinland – acht Jahre lang arbeitete sie in der Kölner Diözesanstelle für Berufe der Kirche, „der beste Job, den ich bisher hatte“ , zum anderen eine gewisse Vorliebe für die Underdogs. Vor allem

Lukas Podolski hat es ihr angetan, seine Authentizität, die Tatsache, dass er seine Herkunft aus einfachen Verhältnissen nicht vergessen hat und sein Engagement für die „Arche“. Bei den Kölnern, findet sie, gehe es immer ums Heulen: „Aufstieg, Abstieg  …“ Als sich bei einem Zitterspiel im Stadion das Blatt für die Kölner dreht und endlich die Tore fallen, fragte ein Besucher sie in der Kurve: „Hören Sie mal, Schwester, haben Sie nicht eine Dauerkarte?“ Hat sie nicht, das Ticket war ein Geschenk, aber wer weiß, vielleicht hat die Anwesenheit der Franziskanerin dem FC ja tatsächlich zum entscheidenden Quäntchen Glück verholfen.

Sr. Katharina lebt in Olpe seit:

„dem 8. September 2009, zuerst im Mutterhaus“

Sie lebt in Olpe weil:

„ich von der Ordensleitung berufen worden bin“

Olpe bedeutet für mich:

„eine neue Herausforderung nach den großen Städten im Rheinland“. Die Olper, findet Sr. Katharina, leben ein sehr „anpackendes Christsein“.

Mich hat hier überrascht, dass:

„es so ein unglaubliches Engagement für Menschen auf vielen Ebenen gibt“.

Als sie hier ankam, fand gerade das Agathafest statt, und dort sagte eine Besucherin zu ihr: „Wir wollen, dass sie da sind.“ „Ich habe das als Auftrag verstanden, dass wir die Leute erinnern, dass es diesen Gott gibt“. Beim Ankommen geholfen habe ihr „die gute Erinnerung Vieler an die Schwestern, das hat viele Türen geöffnet“. Bei einer Gemeindefahrt nach Assisi sprang sie seinerzeit kurzfristig ein, lernte so 25 Olper kennen, die wiederum Familien hatten – und so als Multiplikator fungierten. Bis heute singt sie im Chor „Voices“ und genießt hier nicht nur die gemeinsamen Proben, sondern auch den Schwatz danach.